Aktuelles


Grüße zum Jahresende 2021

 

Es war einmal


Es war das Jahr, da Fische flogen,
Ministerpräsidenten
pflückten Blumen,
aus war der
Krieg.

Die Fische die Noten ausgaben,
ihre Kreise im Wasser
festschrieben das
Aus, für den
Krieg.

Die Frauen weiße Fahnen pflückten,
aus Bettüchern gezaubert
kroch konserviert,
frisch, schnell der
Krieg.

Es war die Zeit, da Fische flogen,
Notenschlüssel stürmten, im
Wasser, Maler
begruben
Krieg.

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Liebe Literaturfreunde,

2022 war ein in vielerlei Hinsicht schwieriges und beängstigendes Jahr. Genau deshalb habe ich dieses Gedicht Horst Bingels gewählt, das sich natürlich auf das Ende der Zweiten Weltkriegs bezieht.
Es drückt aus, worauf wir sicher alle hoffen. Ich wünsche Ihnen damit besinnliche Festtage und alles Gute für ein hoffentlich besseres 2023.

Herzliche Grüße,
Barbara Bingel

Horst-Bingel-Preis 2022

Fotos von der Preisverleihung

 

Die Laudatio der Preisträgerin des Vorjahres Karosh Taha

Ihr sollt einen Stift in der Hand halten, sagte meine Mutter. Wir wussten, sie meinte: Ihr sollt einen Stift statt einer Waffe in der Hand halten. Sie sprach aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Kontext zu uns. Meine Mutter dachte nicht an den Beruf der Schriftstellerin, als sie das sagte, sie wusste nicht, dass auch ein Stift keine Sicherheit bietet, denn: Künstler:innen sind gefährlich, weil sie sich mehr vorstellen können als da ist, weil sie von einer anderen Wirklichkeit erzählen können, weil sie das, was geschaffen wurde, in Frage stellen.

Ali Abdollahi schreibt in seinem Gedichtband „Wetterumschlag“:

Man weiß, dass die Häuser
nicht selten ein Lager, eine Vorratskammer
einen Geheimraum unter spitzem Dach
einen Schleichweg oder doppelten Boden besaßen zu verstecken, was strafbar war
Pamphlete und Personen
Manifeste verbotener Liebe

Verkörperungen eines Aufstands und bei Gefahr ließ man sie
mit klammen Herzen
durch die Hinterürüber die Treppe
zum Dach des Nachbars türmen

Alle drei Preisträger+innen schreiben über Häuser, über zerschlagene Fenster, versteckte Gedanken auf dem Dachkammer, über die Wände als Häute, über Zwischenräume als Schöße, über Namen, die verboten sind, über geheime Liebe, über Regime, die das Schreiben fürchten,
die die Sprache der Dichter+innen fürchten, weil die Sprache der Literatur Grenzlinien verachtet und missachtet. Bei allen Werken ist der Widerstand in jeder Zeile zu spüren, der Widerstand ist hier das Dichten, das Erinnern, das Aufschreiben und Beschreiben. Die Gedichte und auch die Zeilen eines Kriegstagebuchs überschatten als Skulpturen, als Verkörperungen des Widerstandes die Denkmäler der Kriegstreiber und Machthaber. Was ist ein gutes Gedicht? Was ist ein guter Satz? Ich denke, ein guter Satz ist, wenn er von einem Regime verboten wird.

Ein gutes Gedicht trägt unsere intimsten Gedanken, der Literatur können wir unsere Geheimnisse anvertrauen, ein Gedicht schützt durch den Mantel der Kunst vor dem Tod. Ali Abdollahi schreibt in seinem Gedicht „Geheimnis“ „Der Tote trug ein Geheimnis mit sich herum das die Erde nicht hinzunehmen imstande war. Oder ist es vielleicht so dass das Sterben noch nicht an den Tod glaubt?“ Die Erde weigert sich den Toten, wahrscheinlich zu Tode gefolterten, aufzunehmen, das Geheimnis zu schwer, zu grausam für die Natur. Jemand, der gestorben ist, ist nicht tot. Bei dieser Zeile kamen mir die Worte von Ferhat Unvar in den Sinn, der schrieb: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“

Die Unterdrücker der Kunst fürchten soviel Freiheit, sie sind neidisch auf die Kunst, weil wir ihr mehr Raum und Macht in unserem Leben geben, weil wir ihr unsere Zeit und unsere Gedanken schenken, weil sie uns Vorstellungen von uns gibt, Möglichkeiten zu sein, wer wir sein wollen, wann wir sein wollen.

Jin. Jiyan. Azadi wird gerade in Kurdistan und im Iran, aber auch auf manchen europäischen Straßen gerufen. Eine Benennung, nämlich Jin (Frau), und zwei Forderungen: Jiyan u Azadi, also Leben und Freiheit, sind Antriebskraft dieser Revolution. Jiyan und Azad sind auch kurdische Vornamen, die von arabischen, türkischen und iranischen Regimen verboten wurden. Aufgrund dieser Namen sind Menschen gefangen und gefoltert worden. Namen, die eine Forderung nach Leben und Freiheit darstellen, scheinen bereits gefährlich zu sein.

„jemand gibt dir einen namen,/ dem du nicht hörig bist, passgenau/ dem zungenschlag nach, dieser behörde./ nicht, wie dein vater dich nannte. Genannt haben/ dich viele. Und viel mehr ist nicht übrig davon, als/ eine haarlocke. Dreimal hat man dich gerufen, auf die/ verformung hin“, schreibt Ronya Othmann.

Die drei ausgezeichneten Werke entstanden, weil Türen aufgebrochen worden sind, weil Fenster eingeschlagen, Raketen gegen Wände geflogen sind, weil Menschen, die eine verbotene Sprache sprechen, aus ihren Häusern verschleppt worden sind, weil ein verbotenes Buch im Regal gestanden hat. Die Geborgenheit, die ein Haus bieten kann, wird genommen. Das ist das Perfide an diesen Regimen, dass man sich im eigenen Haus nicht mehr geborgen fühlen soll, das Haus wird in ein Gefängnis verwandelt, in eine Kammer, in eine Hülle, die keinen Schutz mehr bieten kann, wenn zu jederzeit die Staatsmacht eindringt und die Existenz bedroht. Die Sakralität der Hausschwelle wird entweiht. Die Fenster dieser Häuser sind bedeckt, die Menschen blind gehalten. Yevgenia Beloruset schreibt: „Die Raketen verletzen die Wände der Häuser wie die Haut eines Körpers. Die ganze Idee des Hauses, der Unterkunft und des Schutzes, scheint für unsere Stadt nun wieder infrage zu stehen.“

In ihrem Werk „Anfang des Krieges“ zeigt Yevgenia Beloruset die Choreographie des Krieges: Am Anfang ist ein Unglauben, dass der Krieg anfängt. Nach einigen Tagen fällt selbst ein Lächeln als ungewöhnlich auf, eine schick gekleidete Frau wird zu einer Erinnerung an alte Tage, Fenster werden zum Schutz vor den Detonationen beklebt, man versteckt sich in Bunkern und Kellern, das Licht verschwindet, Routinen werden zu Überlebensstrategie, um nicht wahnsinnig zu
werden. Ein Gegenstand wie die „Kamera verkörpert ein Auge, das womöglich gegen alle gerichtet ist. Fotografie wird noch verdächtiger als sonst“, schreibt sie. Die Straßen sind leer, weil die Menschen in ihren Häusern bleiben, auch wenn sie wissen, dass auch die eigene Wohnung keine Sicherheit bietet.

Der Krieg ist hier keine Metapher, das war er nie. Der Krieg gehörte nie der Vergangenheit an, das bezeugen auch die drei Werke, der Krieg ist zu jederzeit da, der Krieg ist die Gegenwart. Die Frage ist nur, wo er stattfindet, die Frage ist auch, wem zugehört wird, wessen Geschichten wir folgen und welche wir ignorieren.

1993 in Sivas gab es während eines kurdisch-alevitischen Kulturfestivals einen Brandanschlag von sunnitischen Islamisten auf kurdisch-alevitische Intellektuelle und Künstler+innen. In dem Gebäude, versteckt vor den türkischen Angreifern, fragte jemand den Dichter Metin Altiok, was denn passiert, wenn sie nicht entkommen können. Metin Altiok antwortete: Die Überlebenden werden Gedichte für jene schreiben, die es nicht mehr tun können. So ist auch jedes Gedicht ein Zeugnis und trägt eine Widmung in sich für all jene, die es nicht mehr tun können.

In dieser Tradition steht auch der Gedichtband „die verbrechen“ von Ronya Othmann. Die Zeilen zählen die Getöteten, die Verse leisten die Trauerarbeit. Die Klage wird zu Anklage. In vielen Gedichten klingen die kurdischen Farben an, klingt das Lied von Mehmed Shexo „Ay le Gule“, das die Gedichte im Band beeinflusst hat, nach. In einer Zeile singt er: Ez ser gule tem kushtine.

Wegen der Blume werde ich getötet.
Für die Blume werde ich sterben.
Um die Blume werde ich gebracht.
Wegen der Blume werde ich fallen.

Es gibt keine deutsche Übersetzung für diesen kurdischen Vers, da hier die Präposition „ser“ je nach Verb eine andere Bedeutung bekommt, nämlich, über etwas sprechen, um etwas streiten, sich auf etwas befinden. tem ist Futur von sein, kushtine – bedeutet töten, deswegen trifft das „sterben“ es nicht, es braucht immer etwas bzw. jemanden, der dich, sie oder uns tötet. Um die Blume kreist sich alles, die keine Blume ist, sondern ein Land, denn ihre Blüten sind kesk u sur u ser, grün und rot und gelb, und die Blume könnte aber auch eine Frau sein, für die die Männer im Kampf fallen, wenn sie ihre Blumen beschützen. Das Lied ist politisch gemeint, das Lied ist ein Liebeslied für die Frau die hier Gule heißt, die Kurzform von Gulistan, phonetisch Kurdistan sehr ähnlich, und Kurdistan ist auch ein Frauenname, abgekürzt: Kurde, das Lied könnte also auch Ay le Kurde heißen, gesungen, für ein Land, das nie entstehen wird, weil es in vier geteilt worden ist, aufgeteilt, und die Kinder zerstreut auf der Welt übersetzen die Zeile eines Liedes, das ein politisches Lied ist getarnt als Liebeslied, ein Geheimnis zwischen Ehemann und Ehefrau, das sich einer Übersetzung verweigert und nur Interpretationen zulässt und in so vielen Übersetzungen und Interpretationen zerfällt, dass man nur noch Gedichte schreiben kann. Und das tut Ronya Othmann auf beeindruckende Weise.

„Unerbittlich, wie Kunst und Steine sind / stoßen die Dichter in die Welt: Papier gewordnes Gedächtnis der Menschheit“, das schrieb Horst Bingel. In diesem Sinne sind auch eure Gedichte und Texte verfasst. Ich möchte allen drei Preisträger*innen zum Horst Bingel Preis 2022 herzlich gratulieren, ich freue mich, dass ihr heute ausgezeichnet werdet:

Ali Abdollahi, Yevgenia Beloruset, Ronya Othmann.

Audiodateien vom Horst-Bingel-Preis 2022

  • Beitrag mit Anmoderation, Horst-Bingel-Preis 2022, Andrea Geissler, HR2 - Interviews mit den Preisträgerinnen und dem Preisträger

  • Gesamtaufnahme der Preisverleihungsfeier


Horst Bingel-Preis für Literatur 2022

an Ali Abdollahi, Yevgenia Belorusets und Ronya Othmann

Mit dem Preis werden Arbeiten in der »Kleinen Form« gewürdigt (Lyrik, Erzählung, Kurzprosa, Essay, Reportage oder Blogg), deren literarische Qualität mit gesellschaftlichem Engagement einhergeht.

Der aus dem Iran stammende Schriftsteller und Übersetzer Ali Abdollahi spürt in seinen Gedichten menschlichen Standartsituationen ebenso nach wie dem Missbrauch politischer Macht. Sein Gedichtband Wetterumschlag (Secession) erschien in Farsi und Deutsch. Umgekehrt wirkt Abdollahi mit seinen Übersetzungen aus vielen Genres und Epochen als Brückenkopf der deutschen Literatur in Persischer Sprache.

Yevgenia Belorusets,in Kiew geborene Künstlerin und Schriftstellerin verbindet in ihrem Werk die Fotografie alltäglicher Szenen mit Texten, die sie aus sehr persönlicher Wahrnehmung schildert. Mit Anfang des Krieges. Tagebücher aus Kyjiw (Matthes & Seitz), einer Verknüpfung ihrer beiden Kunstformen, artikulierte sie die Erfahrung einer Katastrophe, die uns die Sprache verschlug.

Die Schriftstellerin, Lyrikerin und Journalistin Ronya Othmann schreibt auch gegen das Vergessen der Gräuel an, die an der kurdisch-jesidischen Minderheit begangen worden sind: die verbrechen (Hanser). Die Zeilen zählen die Getöteten, die Verse leisten Trauerarbeit, wobei die Klage zur Anklage in einem lyrischen Zeugnis des Genozids wird, für das Othmann einen eigenen Ton findet. Hierfür erhält sie den diesjährigen Lyrikpreis.

Preisverleihung

mit Lesungen, Musik und kulinarischem Rahmen am 12. November 2022, 18 Uhr, Dante 9 (Universitätsarchiv Frankfurt, Dantestraße 9, 60325 Frankfurt am Main) Eintritt 10 Euro, horstbingel-stiftung@t-online.de.

Hintergrund

Der Preis erinnert an seinen Namensgeber Horst Bingel (1933-2008), dessen schriftstellerisches Werk in den Genres jener »Kleine Form« erschien. Er wird in zweijährigem Turnus vergeben von der Horst Bingel Stiftung für Literatur (Frankfurt am Main), ist mit insgesamt 12.000 Euro dotiert und wird unterstützt durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main.

Die Jury 2022 besteht aus Barbara Bingel, Karosh Taha, Björn Lauer, Hans Sarkowicz und Wolfgang Schopf.

Bisherige Preisträgerinnen sind Nadja Küchenmeister (2014), Gila Lustiger (2016), Almut Ulrike Sandig (2018), Maren Kames, Karosh Taha, Lea Schneider (2020).